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Schlafmittel - off label use?

Dr. ...
Bewertung:


Schlafmittel - off label use?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Die meisten Schlafmittel z.B. Zolpidem und Zopiclon dürfen lt. Indikation nur kurzfristig(!) zur Behandlung von Schlafstörungen verschrieben werden. Was aber nun, wenn die (meist älteren) Patienten auf einer längerfristigen Verschreibung bestehen und ein Auslassversuch nicht funktioniert? Könnte eine findige Krankenkasse einen Regress fordern, weil man ja nicht die Indikation befolgt? Diese Anfrage ist z.Zt. noch rein theoretisch, aber man weiss ja nie...
Mit koll. Grüßen
synapse

Diskussion

7 Ärzte beteiligen sich an dieser Diskussion, 232 Ärzte verfolgen diese Diskussion
3 von 3 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Psychiatrie und Psychotherapie

Sie haben Recht Kollege dass eine Krankenkasse ein Regress fordern kann, deshalb halte ich mich an der Indikation u. verschreibe solch Mittel nur 1 bis 2 mal auf Kassenrezept, danach nur noch auf Privatrezept.

1 von 2 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...(1)
FA für Allgemeinmedizin, Allgemeine Psychiatrie

Auch die neueren Schlafmittel haben ein Abhängigkeitspotential. Ich habe während meiner Klinikzeit etliche Patienten behandelt. Natürlich eruiert man soweit möglich Ursachen von Imsomnien- gerade bei älteren Menschen oft manifeste sub- bis depressive Zustände. In einem solchem Fall würde sich niedridosiertes Remergi(7,5- 15mg) oder Stangyl("billiger") in einer Abenddosis von 12,5,bis 25mg anbieten. Stangyl gibt es in Tropfenform zum "Austitrieren". Spätestens wennn Sie Hinweise auf eine beginnende Abhängigkeit haben, sind sie auch juristisch unter Umständen belangbar, wenn Sie fleißig weiterverordnen. Es gibt zudem niedrigpotente Neuroleptika wie Dipiperon und Melneurin, die gut vertagen werden und kein Abh.potential aufweisen.

3 von 4 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeinmedizin

Nachtrag:
Gestern habe ich bzgl. der Verordnung von Schlafmitteln mit der KV München telefoniert. Dabei wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass eine Verordnung von Schlafmitteln maximal(!) 2 Monate erfolgen dürfe, danach müsste(!) ich Schlafmittel, falls weiterhin erforderlich, nur noch auf Privatrezept verordnen.
Nun ja, das wird wohl ein Aufschrei durch unser Dorf gehen, aber Gesetzt ist Gesetzt...
Mit kollegialen Grüßen
synapse
PS: wie handhaben die KollegInnen das Problem?

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie

Ich würde Schlafmittel allenfalls dann und nur sehr begrenzte Zeit (1x10Tabl.) auf Kassenrezept verordnen, wenn es sich um eine schwere Depression oder Psychose oder ausgeprägte Krisensituation und ähnliches handelt. Ansonsten auch eher die sedierenden Antidepressiva oder niederpotente Neuroleptika wie Kollege Böhm. Sehr gut schlafanstoßend und als quasi "Augmentation" geht bei schwerer Depression auch Seroquel am Abend (z.Zt noch off-label). Hier in der Region ist es kein Problem, die "Schlafmittelwünsche" nur auf P- Rezept zu bedienen, das machen praktisch alle so, Haus- und Fachärzte. Ich weise meine Pat. auf das Abhängigkeitspotential hin und dokumentiere dieses Aufklärungsgespräch, manchmal auch lasse ich es mir unterschreiben.

2 von 2 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeinmedizin

Benzodiazepine und deren Nachfolgepräparate (Schlafmittel) wirken durch "Betonieren" der Gefühle. Die "einbetonierten" Gefühle sind aber leider keineswegs verschwunden, sondern fangen, je länger man diese Mittel gibt , an, sich bemerkbar zu machen, durch Funktionsstörungen und/oder seelische oder körperliche Krankheiten, bestehende Störungen werden fixiert und chronifiziert. Von daher halte ich es für einen schweren Kunstfehler, sie länger als maximal 4 Wochen zu geben, egal, wer zahlt. In meiner Praxis habe ich in den letzten 10 Jahren 5x Benzos benötigt für 4 Wochen bei schweren Ängsten, 4x gelang es die Einweisung zu vermeiden. "Schlafmittel", die geeignet sind, sind Doxepin,Trimipramin, Mirtazapin, Opipramol und verschiedene Neuroleptika. Umstellungen bereits "Schlafmittelsüchtiger" sind mühsam und langwierig und manchmal frustran.

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie

Danke Kollege Saueressig, ganz meine Meinung. Dieser verbreitete Kunstfehler führt in meiner Praxis zu einem steten Strom von iatrogen benzodiazepinabhängigen Senioren (u.a. Demenzabklärung!) und nicht nur alten z-Substanzabhängigen, die schwer zu behandeln sind. Dies schwillt immer dann zu einem Strom an, wenn ein älterer Kollege seine Praxis aufgibt.
M.E. gehören die Benzodiazepine, evtl. auch die z-Substanzen zu den BTM.
Anmerkung zum Schluss: Eine Schlafstörung ist (fast) immer Symptom z.B. einer Depression, eine symptomatische Therapie nicht genug. Wer behandelt eigentlich ein gebrochenes Bein nur mit Schmerzmitteln?

0 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Innere Medizin

Benzodiazepinabhängigkeit hat nicht ohne Grund eine eigene ICD-Codierung, und Entwöhnungstherapien sind in hausärztlichen Praxen nicht wirklich realisierbar. Wir verordnen Benzos so gut wie nie als Neutherapie, und bei unseren Altkunden mit bestehender Abhängigkeit, die von älteren Kollegen übernommen worden sind, gibt es Benzos von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen nur auf Privatrezept. Dem süchtigen Raucher verordne ich seine Zigaretten ja auch nicht auf Kassenrezept.

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeinmedizin

Benzodiazepinentzug in Hausarztpraxen geht: 1.Intensives Gespräch: diese Tbl. macht sie chronisch krank und schlafgestört 2. Depression behandeln, liegt fast immer vor 3. Kombination aus z. B. Opipramol/Mirtazapin parallel zum Benzo zunächst, dann anfangen zu vermindern.
Bei mir "schmeißen" die meisten Patienten das Benzo ganz schnell "ins Eck" nach Teil 1.

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Innere Medizin

Einspruch, Herr Saueressig: Patienten, die zehn und mehr Jahre Benzos einnehmen, sind nicht zu entwöhnen, und von denen spreche ich. Die wissen, das sie abhängig sind und leben damit. Als ich meine Praxis übernommen habe, war ich der gleichen Meinung wie Sie, und habe als Resultat eine Menge ältere Patienten an andere Kollegen verloren, die nach altem Brauch Benzos auf Teufel komm raus verordnen, ohne nachzufragen.

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie

Einspruch Herr intron, ich schaffe es bei ca. 60% auch langjährig Benzodiazepinabhängige zu entwöhnen. Die "Methode Saueressig" wende auch ich an. Dabei mache ich am Anfang klar, das ambulant eine 1-2 jährige Entwöhnungsphase mit stufenweise Reduktion notwendig sein kann, meist klappt es aber dann schneller. Alternativ (aber seltener) veranlasse ich stationäre Entgiftungen.
Ihr Argument, das sie keine Zigaretten an Süchtige verordnen verstehe ich, warum aber verordnen Sie dann Benzodiazepine an Süchtige? Die Praxis dies auf Privatrezept zu verordnen ist Teil des Problems, da die medizinische Kontrolle nur noch vom Verordner ausgeübt wird (unzureichend wie Sie selbst sagten). In der BRD wird - wenn ich recht erinnere - ca. 10% des Gesamtbenzodiazepinumsatzes auf Kassenrezept verordnet. Ich plädiere daher für die Aufnahme der Benzos in die BTM - Liste.
Die Dauereinnahme von Benzos ist sicher auch nicht so harmlos wie gerne behauptet. Ich sehe immer wieder Patienten mit Pseudodemenz, die nach Entwöhnung komplett gebessert sind. Wie viele Stürze, wie viele Hüft - TEP gehen auf das Konto dieses Phänomens?

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Innere Medizin

Das Thema wird zwar langsam Off Topic, aber nochmals zum Klarstellen: ich verordne keine Benzos als Neumedikation. Ich habe eine Handvoll Patienten von meinem Vorgänger übernommen, die Benzodiazepin-abhängig sind und eindeutig sagen, sie wollten keinen Entzug machen, und die bekommen es ausschliesslich auf Privatrezept.
Das Problem ist die Neuverordnung, und damit die Schaffung neuer Abhängiger - wenn alle Ärzte sich tatsächlich an die Empfehlungen hielten, Benzos nur kurzfristig und nur in Ausnahmefällen zu verwenden, wäre das Problem der Abhängigkeit aus biologischen Gründen in einigen Jahren ohnehin gelöst.

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...(1)
FA für Allgemeinmedizin, Allgemeine Psychiatrie

Nennen Sie mir eine Indikation für die ambulante Verordnung von Benzos. Ich sehe diese nicht. Im stationären psychiatrischen/ggf. psychosomatischen Bereich gibt es Indikationen Bei Suizidalität, bei akuten ANGSTZUSTÄNDEN, bei DEPRESSIVEM STUPOR, usw. Dort ist die Verordnung immer Bestandteil eines theapeutischen Konzepts und passager, d.h. m.E. nie länger als 14 die notwendig. Doch wenn SPRECHEN nicht bezahlt wird- muß VALIUM her..

1 von 1 Mitgliedern fanden folgenden Kommentar hilfreich:

Dr. ...Dr. ...
FA für Allgemeinmedizin

Die ambulante Verordnung von Benzodiazepinen kann nötig sein zur Bewältigung akuter Krisen, insbesondere bei schwer belastenden Lebensereignissen, bei schweren Angst- und Panikattacken (Erstauftreten oder akute Exazerbation) oder auch bei latenter Suizidalität. Nicht immer kann ein Patient deswegen psychiatrisch stationär eingewiesen werden, bei leichteren Fällen, wenn die geschlossene Abteilung zu viel wäre, bestehen oft Wartezeiten, genügende Versorgung durch ambulante Psychiater ist oft nicht gesichert. Oft spielt das Stigma der Psychiatrieeinweisung eine große Rolle ("lieber bin ich tot als da hin"). Die Lebensunmittelbarkeit des Hausarztes zum Patienten befähigt ihn sinnvoll psychosomatisch-psychotherapeutisch zu wirken, jeder sollte das m. E. können. Das bedeutet den Patienten notfalls TÄGLICH sehen, geeignete Medikation, geeignete Gespräche, Klärungen, ggf. doch noch stationäre Einweisung. Oft gesellen sich ja noch körperliche Symptome hinzu, z. B. Hochdruckkrisen, Dyskardie, die einen Mittelweg eröffnen ins Kreiskrankenhaus, leider ist dort aber auch oft nach Tavor Schluss und es finden weder adäquate Gespräche noch die Gabe von Antidepressiva und Neuroleptika statt, die man in diesen Fällen meist kombinieren muss.
Es ist jedenfalls schwierig. In den letzten 10 Jahren habe ich 6x Benzodiazepine ambulant akut eingesetzt, davon gelang 4x die Krankenhauseinweisung zu vermeiden und den Patienten zu stabilisieren. Ich nehme wegen der besseren Steuerbarkeit und der Halbwertszeit von 6-8Std. Oxazepam 10mg 2x1/2 täglich für maximal 20 Tage. Natürlich haben wir ein paar Uraltpatienten, die noch jeden Abend ihre Adumbran nehmen, die es noch vom Vorgänger her haben seit über 20 Jahren, die muss man in Ruhe (bzw. Unruhe, die das Benzo ja erzeugt) lassen.

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letzte Änderung: 6.9.2010 17:44